Seelisch-spirituelle Sterbebegleitung und -Vorbereitung



Was ist Spiritualität in der Sterbebegleitung?
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Sterbenden die Wahrheit sagen

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Ist es nicht für den Pflegenden in seiner konkreten Arbeit immens schwierig , einem Sterbenden die Wahrheit zu sagen?

Die Menschen, die sterben werden, sind oft sehr einsam, denn damit sie eine emotionale Beziehung zu ihren Angehörigen und jenen, die sie pflegen, aufrechterhalten können, bedarf es einer Atmosphäre der Wahrheit, der Authentizität, und daran mangelt es nur allzu oft. Die Angst, die mit der Trennung verbunden ist, die alle vorausahnen, vergiftet oft die Atmosphäre und beeinträchtigt die Qualität des Austauschs und der Kommunikation . Es fällt uns schwer, Worte für etwas zu finden, das weh tut . Die Worte und Gesten, mit denen wir uns vom anderen verabschieden und ihm die Erlaubnis zu gehen geben, mit denen wir uns der Zukunft derer, die zurückbleiben, versichern, sind wie eingefroren und gefangen in jenen Tabus, die wir schon angesprochen haben.

Und tatsächlich empfinden das Pflegepersonal und die Angehörigen angesichts des Todes eines anderen Menschen enorme Schuldgefühle. Sie befürchten, der Sterbende könnte, wenn man die Frage des Todes mit ihm anschneidet, den Eindruck haben, daß man ihn aufgibt und im Stich läßt . Die "Verschwörung des Schweigens", die durch dieses Verhalten zustande kommt , führt auf Seiten aller Beteiligten zu großem Leid und verhindert jede echte, tiefe Kommunikation.

Oft ist dieses Schweigen mitverantwortlich für eine Verschlimmerung der Schmerzen oder die Ursache von Zuständen geistigen Verwirrtseins . Bei den Pflegekräften und den Angehörigen ruft sie ein Unwohlsein hervor, das ans Unerträgliche grenzen kann und unweigerlich zu einem Fluchtverhalten führt. Es ist nicht leicht, diese Verschwörung zu durchbrechen, weil sie in gewissem Sinne eine Spirale des Überbeschützens in Gang setzt : Der Sterbende schützt die Seinen, deren Angst er auf sehr feine Weise wahr nimmt, die Umgebung schützt den Sterbenden , dessen Fähigkeit , der Situation ins Gesicht zu sehen, unterschätzt wird.

Das Problem beschränkt sich natürlich nicht bloß darauf , dem Kranken eine Diagnose oder Prognose mitzuteilen. Es handelt sich um ein Kommunikations - und Beziehungsproblem. Wir gehen davon aus, dass der Sterbende immer weiss: Sein Körper weiss , sein Unbewusstes weiss - ganz abgesehen davon , daß er alles , was um ihn herum vor sich geht, spürt und wahrnimmt : die Blicke, die Gesprächsfetzen, das verlegene Schweigen.  Es geht also gar nicht so sehr darum, ob man die Wahrheit sagen soll oder nicht , sondern wie man dieses Wissen mit dem anderen teilen kann, wie man ihm ermöglichen kann, uns zu sagen, was er weiß, und das mit uns zu teilen, was er empfindet .

Viel zu oft verdammt man den Sterbenden genau dann zum Schweigen, wenn er uns zu verstehen gibt, daß er sich der Verschlechterung seines Zustandes sehr wohl bewußt ist . Die Frage ist, ob wir es ertragen, mit ihm über seinen Tod zu sprechen.
Ein von Schmerzen geplagter, stummer Kranker , der mit geschlossenen Augen und einem verschlossenen Gesicht in seinem Bett liegt und jeden Kontakt vermeidet, will uns damit nicht unbedingt zu verstehen geben, daß er sich weigert , von seinem Tod zu sprechen . Vielleicht will er uns sagen, daß er bereits das Risiko eines Dialogs eingegangen ist und in den Blicken der anderen nichts als Angst gesehen hat! Vielleicht sagt er uns ganz einfach , daß er sich einsam fühlt!

Wir mü
ssen es zwar absolut respektieren , wenn ein Mensch sich weigert, mit uns zu sprechen , aber wir sollten ihm trotzdem unsere Bereitschaft bekunden, ihm in seiner Angst und seiner Frage zu begegnen , und zwar in dem Augenblick , in dem er es wünscht , und auf der Ebene , die er bestimmt .

W ir müssen ihn also fühlen lassen , daß wir nicht davonlaufen. Man weiß, daß eine gewisse Bereitschaft, eine bestimmte Art und Weise, sich ans Bett des Patienten zu setzen und ihm still zuzuhören, Zeichen sind, die Bereitschaft signalisieren, sich mit ihm diesen schmerzhaften Fragen zu stellen. Es kommt nicht selten vor, daß der Betreffende von sich selbst sagt, "ich werde sterben« - eine Aussage , die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Gleichzeitig müssen wir ihm aber auch versichern , daß wir ihn nicht allein lassen werden. Die Frage der Wahrheit verlangt also von uns, daß wir alle Kräfte der Liebe in unserem tiefsten Inneren mobilisieren, um zu verstehen und zu erfühlen, welche Antwort der Sterbende von uns erwartet

                    

Diese Frage muß ihre Lösung in einer Begegnung in Liebe finden.

Es existiert also kein Rezept, kein Trick, vielleicht gibt es aber einige Prinzipien: Wir müssen wissen, daß die Wahrheit eines Sterbenden paradox ist . Man kann spüren , daß man sterben wird , und überhaupt nicht daran glauben, sondern eine gewisse Hoffnung bewahren. Der gesamte Prozeß des Sterbens ist übrigens von einer ständig präsenten Hoffnung getragen , die die unterschiedlichsten Formen annehmen kann : Hoffnung auf Heilung, Hoffnung auf ein Wunder, die sich zum Schluß meist in die Hoffnung auf eine kleine Verlängerung des Lebens verwandelt . Manche Menschen sprechen einige Tage vor ihrem Tod mit einer Klarheit darüber, die keinen Zweifel aufkommen läßt, daß sie sich ihres bevorstehenden Todes voll bewußt sind. Es kann jedoch vorkommen, daß sie noch im gleichen Gespräch oder einige Stunden später Zukunftspläne schmieden, als wäre ihnen ewiges Leben beschieden, oder daß sie uns mitteilen, daß sie sich besser fühlen und wieder Hoffnung schöpfen.

Ich glaube eher, daß der Mensch dadurch die paradoxe Natur seiner Erfahrung mitteilen will . Freud macht dafür eine Spaltung des Ich, die Entwicklung zweier widersprüchlicher Gedankenstränge verantwortlich, die nebeneinander bestehen, aber keine Verbindung untereinander haben. Die eine Seite sagt: "Ich weiß, daß ich sterben werde", die andere sagt: "Der Tod existiert nicht ."  Dieser zweite Gedankengang wurzelt nach Freud im Unbewußten, für das der Tod nicht vorstellbar ist . Dies hilft uns zu verstehen, daß ein Mensch auf der Schwelle zum Tod gleichzeitig vollkommen klar denken, sein Testament diktieren oder seinen Besitz aufteilen und trotzdem weiter hoffen kann.

Ist es richtig, den Sterbenden in einer derartigen Zweideutigkeit zu lassen?

Dieses muß respektiert werden , weil er bis zum Schluß für eine gewisse Lebendigkeit sorgt . Begleiten bedeutet , sich so gut es geht dem anzupassen, was der Sterbende erlebt, und ihn bis zum Ende zu unterstützen , und zwar auf der Ebene , die er selbst gewählt hat . Es geht also nicht darum zu lügen, sondern mit ihm die Hoffnung zu teilen, daß irgend etwas Unvorhergesehenes eintritt , eine plötzliche Entspannung, eine Remission ...

Man darf nicht vergessen, daß die Zeit, die dem Kranken noch zu leben bleibt, allein ihm gehört.
Man weiß, daß manche Menschen, die sich selbst einen Zeitpunkt setzen, den sie erleben wollen, sämtliche medizinischen Prognosen bei weitem überleben. Und das Geheimnis des Körpers bleibt gewahrt!  Wir müssen also zwei Klippen umschiffen: Erstens dürfen wir nicht unsere eigene Hoffnungslosigkeit kommunizieren, wenn der andere noch Hoffnung braucht, um zu leben, und zweitens dürfen wir uns nicht an die Hoffnung klammern, wenn der andere uns signalisiert, daß er bereits jede Hoffnung aufgegeben hat . Im ersten Fall äußert sich die Hoffnungslosigkeit der Umgebung oft als Flucht oder Aufgeben.

Doch für den Sterbenden ist es wichtig, daß er bis zum Schluß als lebendiger Mensch betrachtet wird. Im zweiten Fall entgeht einem die Nähe der letzten Augenblicke , denn in dem Moment, in dem ein Sterbender keine Hoffnung mehr hat und spürt, daß sein Tod unmittelbar bevorsteht, braucht er nichts mehr als Ruhe und eine stille, vielleicht im Gebet oder Meditation versunkene Anwesenheit, die ihn nicht bindet oder zurückhält und ihm die Freiheit lässt , zu gehen. Wenn die Haltung und die Worte jener Menschen, die den Sterbenden begleiten, nicht in Widerspruch zu dem stehen, was der Sterbende weiß oder ahnt , dann verschafft ihm das Erleichterung und hilft , einen Zusammenbruch zu vermeiden.

Kann diese „Verschwörung des Schweigens“ durchbrochen werden?

Es ist nicht immer möglich , sie zu durchbrechen , und manche Menschen sterben, ohne die Gelegenheit gehabt zu haben , ihre Gefühle mit den ihnen Nahestehenden zu teilen . Es ist gut möglich, daß das Koma, das manchmal dem Tod vorausgeht, in gewissem Sinn ein letzter Ausweg aus dem emotionalen Leiden ist , das durch diese Unmöglichkeit, mit den Seinen zu kommunizieren, hervorgerufen wird . Eine Art Zuflucht . Das Leben ist zwar noch immer da , aber der Betreffende scheint sich in die innersten Schichten seines Seins zurückgezogen zu haben. Dieses Koma scheint wie eine Phase des Wachens , des Wartens zu sein . Vielleicht ist es eine Art , der Umgebung Zeit zu geben , sich vorzubereiten , den Abschied zu akzeptieren , vielleicht ist es ein Warten auf ein Abschiedswort , auf die Erlaubnis, sterben zu dürfen , oder auf eine allerletzte Umarmung, die es dem Sterbenden leichter macht, seinen Körper loszulassen und zu sterben.