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Unsere Angst vor dem Sterben / Angst vor Schmerzen

Freiwillige Schmerzbewältigung

Wir sagen, wir hätten Angst vor dem Tod, meinen damit aber wahrscheinlich den mühevollen Weg, der am Ende zum Tod führt: die Angst vor dem Sterben.
Sicherlich ist das unsere Angst davor, uns in einer Situation zu befinden, über die wir keine Kontrolle haben, in der unsere Kräfte nachlassen und unser Körper qualvoll dahinsiecht. Diese Angst jedoch ist eine der wenigen, denen wir konkret beikommen können. Die Wissenschaft der Schmerzbehandlung hat in den letzten Jahren radikale Fortschritte gemacht.

Heute kann die äußerst wirkungsvolle Anwendung eines Morphiumtropfs, einer Dauerinfusion von Morphiumsulfat, perfekt den individuellen Bedürfnissen des Patienten angepasst und auf sie abgestimmt, (in Kanada heißt das „Voluntary Pain Management“, freiwillige Schmerzbewältigung ), in den meisten Fällen dazu verhelfen, dass das Ende schmerzlos verläuft.

Ein guter Arzt kann solch eine Schmerzbehandlung innerhalb weniger Tage auf die ganz individuellen Erfordernisse des Patienten abstimmen, indem er Dosis und Zeitpunkt der Schmerzblockergaben den Schmerzwellen des Patienten anpasst. Dadurch wird es Menschen möglich, in diesen kostbaren letzten Wochen offen und wach zu bleiben, nicht aufgrund einer Überdosierung dahindämmern zu müssen, von Alptraumen gequält zu werden oder sich durch zu geringe medikamentöse Unterstützung völlig am Boden, erschöpft oder voller Angst zu fühlen.

Heute müssen Patienten sich nicht mehr in schweißgetränkten Laken wälzen und die vier Stunden zwischen den Schmerzspritzen irgendwie überstehen. In fortschrittlichen medizinischen Einrichtungen werden Medikamente auf Wunsch verabreicht. Oder besser noch, ein so gründliches Schmerzprotokoll wird erarbeitet, so dass das Behandlungsteam noch vor dem Patienten weiß, wann die nächsten schmerzstillenden Mittel fällig werden. Selbst für diejenigen, die weise beschließen, zu Hause zu sterben, gibt es ein Gerät neben dem Bett, welches die Verabreichung von Morphium per Tropf automatisch, so dass sie ihre letzten Tage in Liebe und erfüllt verbringen können.

Außer in seltenen Fällen, wo die Nerven betroffen sind und der Versuch, die Medikation auf die Schmerzspritzen beim Bewegen einzustellen, den Patienten unweigerlich bewusstlos machen würde, hat der Morphiumtropf unseren Sterbeprozess verändert. Sterben und Schmerz sind nicht mehr unbedingt dasselbe.

Andererseits wäre es nicht weise, einen schmerzlosen Tod einzuplanen, denn wenn der emporsteigende Geist den Körper abschüttelt, ist das oft von Unwohlsein begleitet.

Glücklicherweise müssen wir uns nicht nur auf äußere Behandlungsweisen verlassen, um den Körper zu beruhigen. Wir besitzen auch enorme Fähigkeiten, unangenehmen Zuständen mit inneren Mitteln zu begegnen. Wenn wir in dem betroffenen Bereich weicher werden und unser Gewahrsein darauf richten, stärkt das allmählich unsere Fähigkeit, zu vertrauen und unser eigenes beträchtliches Heilungstalent praktisch anzuwenden.

Das öffnet uns für eine subtile und einsichtsvolle Intuition, wie sie der Schmerz erfordert. Sie gemahnt uns, mitfühlend zu sein und genau zu prüfen, wovor wir so lange wegzulaufen versuchten. Wir verbannen den Körperteil nicht , in dem Beschwerden auftreten, sondern laden ihn statt dessen ins Herz ein, um von dem Widerstand frei zu werden, der unseren Schmerz verstärkt.

Auch wenn ich Menschen erlebt habe, die sich scheinbar ohne große Vorbereitungen auf ihrem Totenbett wie exotische Blüten öffneten, kann man sich darauf nicht verlassen. Untersucht man diese spontanen Öffnungen naher, wird man feststellen, dass viele dieser Menschen ihr Leben mit einem gewissen Gewahrsein und zumindest einem Funken allgemeiner Liebenswürdigkeit gelebt haben.

Ich habe selbst Menschen, die Gott schon lange abgeschworen hatten, in Anmut sterben sehen. Tatsächlich gibt es nichts Schöneres als einen Atheisten mit einem offenen Herzen. Atheisten benutzen ihr Sterben nicht, um einen besseren Platz am Tisch auszuhandeln; viel­leicht glauben sic noch nicht einmal daran, dass eine Mahlzeit serviert wird. Sie sammeln keine »Verdienste« an. Sie lächeln einfach, weil ihr Herz gereift ist. Sic sind ohne besonderen Grund freundlich: sie lieben einfach.

Solche Fähigkeiten entwickeln wir, indem wir uns immer wieder einem achtsamen Herzen zuwenden und lernen, an den nagenden Unstimmigkeiten unseres schwerfälligen Widerstandes zu arbeiten. Wir hören auf, unseren Schmerz um jeden (und jedermanns) Preis vermeiden zu wollen. Wir wenden uns dem zu, für das wir, wie Buddha sagte, geboren wurden und wissen, dass das Loslassen unseres Leidens die härteste Arbeit ist, die wir jemals verrichten werden.

Wenn wir unsere Reaktionen auf physischen Schmerz verstehen, verhilft uns das zu beträchtlichen Einsichten in unsere Haltung zum Leben im Allgemeinen.
Schmerz löst Kummer aus. Er bringt lange unterdrückte Besorgnisse und unerledigte Geschäfte an die Oberfläche. Aber das Leiden unter Schmerzen loszulassen ist leichter gesagt als getan. Schmerz ist eine feste Größe im Leben. Wenn Sic einen Körper und einen Geist haben, werden Sic auch Schmerz erleben. Das Leiden jedoch ist eine Reaktion, aber keine Antwort auf geistige und körperliche Beschwerden.

Wenn es eine einzige Definition von Heilung gibt, dann die, dass wir uns dem Schmerz, ob geistig oder körperlich, von dem wir uns stets voller Urteile und Abscheu abgewendet haben, mit Güte und Gewahrsein zuwenden. Nichts bereitetet uns so vollständig auf den Tod vor, als uns in die Lebensbereiche, die bislang ungelebt geblieben sind, hineinzubegeben.

Wir müssen nicht sterben, indem wir uns vom Tod geschlagen geben und uns als Versager fühlen, voller Enttäuschung ,vor Reue überfließend. Es ist sehr wohl möglich, in Frieden, weitgehend schmerzfrei, bis zuletzt lernend und voller Dankbarkeit dahinzuscheiden.

Gelegentlich stellen wir uns unseren Tod als völlig unerwartet, vielleicht sogar plötzlich und gewaltsam vor. Oder wir schaudern vor Bildern, die uns ungebeten zeigen, wie unser Körper in monatelangem Leiden dahinsiecht und zum Gefängnis wird, dem wir sehnsüchtig entkommen möchten, wahrend unser Geist einem Mahlstrom voller Verwirrung und Wider­stand gleicht. Die Angst sagt, dass wir nicht zum Sterben, geschweige denn für unseren Tod bereit sind. Sic redet uns beharrlich ein, dass wir nicht fähig seien, in Würde in den Tod loszulassen, sondern dass wir ihn verpfuschen werden. Aber die uns eigene Weisheit weiß es besser. Sie wartet nicht. Sie lässt jetzt in das Leben los. Sie praktiziert ihr Sterben, indem sie den Luxus ihres Leidens aufgibt. Sie geht über sich hinaus, um sie selbst zu werden.

Wir sehen also, dass unsere Angst vor dem Tod durch unsere Angst vor einem schwierigen Sterben verstärkt wird. In den Tod »fallen« wir nach oben. Oder, wie Walt Whitman es formulierte: ,Wir schreiten aufwärts und vorwärts, und der Tod ist anders, als sich je einer vorgestellt hat - und beglückender!«

Sterben ist eine Domäne des Körpers. Der Tod ist die Domäne des Herzens. Lassen wir also das Sterben an seinem Platz - dem Körper. Lassen wir nicht zu, dass es dem Tod schadet. Sterben verhält sich zum Tod wie die Geburt zum Leben. Beiden geht voraus, was die einzig mögliche Wirklich­keit zu sein schien, und auf beides folgt das nächste eindrucks­volle Szenario. Wie ein Lehrer sagte: ,Wir fallen von einer Gnade in die nächste.« Unser nächster Augenblick des Festhaltens - die Hölle; Unser nächster Moment des Loslassens – der Himmel.

Wie die Geburt beginnt auch das Sterben mit dem Körper und wird vom Herzen vollendet.



Schmerz kann uns viel lehren.
Schmerz ist ein gegebener Teil unseres Lebens, aber psychologisches Leiden kommt vom Widerstand gegen den Schmerz.

 

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CD zur Schmerzkontrolle






FAZ-Gespräch mit Palliativmediziner Gian Domenico Borasio über den "Zwang zum Leben"

Wann dürfen Menschen sterben?
Viele Menschen fürchten sich davor, am Ende ihres Lebens von einer hochtechnisierten Medizin am Sterben gehindert zu werden. Ist diese Angst berechtigt?

Eine Kerze vor der Tür, das bedeutet am Zentrum für Palliativmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, dass in dem Krankenzimmer ein Mensch stirbt. Kleine Symbole wie dieses gehören für Gian Domenico Borasio zum Versuch, in der Medizin einen neuen, sensibleren Umgang mit dem Tod zu praktizieren - und wegzukommen von einer rein künstlichen Leidensverlängerung. Seine Expertise in der Palliativmedizin macht den Neurologen zum wichtigen Ansprechpartner von Politikern, Medizinern, Juristen und Ethikern in der Kontroverse um Sterbehilfe und Patientenverfügungen. Borasio hat den Stiftungslehrstuhl für Palliativmedizin am Klinikum Großhadern inne.  Link zum Artikel

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