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Sterbebegleitung als Praxis des Mitgefühls

Wenn es im Umfeld des Krankenhauses in erster Linie an Menschlichkeit mangelt, welche konkreten Handlungen kann dann eine Pflegeperson oder ein Begleiter trotz seiner Ängste und Schuldgefühle tun , um dem Sterbenden bei diesem Übergang zu helfen?

A: Ich glaube, dass wir angesichts des Leidens der Menschen, die sterben werden, und ihres Todes oft nicht viel ausrichten können, aber wir können ihnen zumindest unsere Gegenwart und unsere Aufmerksamkeit schenken.

Auf Palliativstationen misst man der Qualität der Gegenwart, des Seins, großen Wert bei . Was kann man anbieten, wenn nicht die Tiefe unseres Hierseins und die Sensibilität unserer Aufmerksamkeit , denn genau das ist es, was es uns erlaubt, eine Brücke zu dem zu bauen , der sterben wird , und was es ihm erlaubt, in Verbindung zu bleiben: in Verbindung mit sich selbst, mit den anderen, mit dem, was über ihn hinausgeht . Aus dieser Haltung heraus misst man der Qualität des Hierseins, dem Bewusstsein, in dem wir Dinge tun, enorme Bedeutung zu. Man muss nicht einmal unbedingt besondere Gesten setzen, sondern sich eher von den alltäglichen Erfordernissen leiten lassen, indem man den Schwerpunkt auf das Bewusstsein, in dem man Dinge tut, legt .

Jemanden waschen, ihm ein Bad richten, eine wundgelegene Stelle pflegen , ihm die Füße massieren oder ihn auch nur einfach im Bett umdrehen - all das kann man in dem Bewusstsein dessen tun , was dieser Mensch wirklich ist. Er reduziert sich nicht auf einen dem Verfall preisgegebenen Körper, dessen Auflösung bevorsteht, er ist unendlich mehr als dieser Körper, egal welche Worte wir benutzen - ein im Körper inkarnierter Geist, ein lebendiges Mysterium - er ist mehr als das, was wir sehen.

Wenn wir uns diesem Menschen nähern und ihn im Bewusstsein dessen , was er wirklich ist, anschauen oder berühren, dann sind unsere Gesten, unsere Blicke, unsere ganze Art und Weise, uns dem anderen zuzuwenden, von dieser Qualität der emotionalen Bestätigung, der Bestätigung des anderen, durchdrungen. Durch unsere Art zu sein können wir einen anderen Menschen spüren lassen, dass er mehr ist als das, was er uns zu sehen gibt . Das schließt natürlich Worte nicht aus, aber oft sind wir daran gewöhnt, Worte zu gebrauchen, die unangebracht zuversichtlich klingen und nicht im geringsten mit unserem wirklichen Sein übereinstimmen. Die Art und Weise , wie wir einen anderen berühren, vermag aber nicht zu täuschen . Es ist also der Pflegealltag, der die Gelegenheit bietet, dem anderen über die Berührung zu begegnen . Diese Annäherung an den anderen hat etwas Heiliges an sich.

Wenn wir zum Beispiel eine Gesichtsmassage machen - also weder eine »technische« noch eine Schönheitsmassage -, dann wollen wir zwar, dass der Kranke sich entspannt, in Wirklichkeit aber bezieht sich so eine Massage auf die »Ikone« des Menschen: Wenn wir eine Hand respektvoll und sanft auflegen und sich das Gesicht unter unseren Gesten entspannt, dann sehen wir unter unseren Fingern wie ein inneres Licht aufleuchten . Es ist, als würde die Haut der Hand antworten, die sich ihr nähert; man hat fast den Eindruck , als würde das Gesicht auf die Hand zugehen, und es ist diese Begegnung, die dieses Gefühl des Strahlens auslöst . Das ist eine Erfahrung, die jeder machen kann: Pflegehelfer und Krankenschwester genauso wie Angehörige. Etwas so Einfaches kann dem Sterbenden nicht nur Linderung verschaffen, sondern ihm auf einer viel tieferen Ebene das Gefühl geben, dass er seine innere Schönheit, die nichts mit dem »objektiven« Körper zu tun hat, wiedererlangt .

Sich des Körpers eines Sterbenden annehmen kann also wie eine heilige Aufgabe erlebt werden.

Eine respektvolle, sanfte Berührung ist ein symbolisches Äquivalent für das Öl, das in vielen Traditionen verwendet wurde, um auf die transzendentale Dimension des Körpers zu verweisen.

Es ist also möglich, den anderen so zu berühren, als würde man Gott selbst berühren. Außerdem gibt es noch eine ganze Reihe von Dingen, die eine Atmosphäre der Ruhe und des geistigen Friedens fördern: stimmungsvolle Musik, Räucherstäbchen, eine Kerze , die auf dem Nachttisch brennt . Alle diese kleinen Details tragen dazu bei , ein Klima der Ruhe zu schaffen. In der buddhistischen Tradition wird dieser Atmosphäre der Stille und des Friedens in der Umgebung des Sterbenden große Bedeutung beigemessen . Aber man kann diese Stille auch ohne all das schaffen ; es reicht eine lebendige , achtsame, stille , achtungsvolle Anwesenheit . Je mehr man an einem Menschen hängt , je mehr man seinen Tod ablehnt , desto schwieriger ist es natürlich , einfach da zu sein, in Offenheit und Stille , und desto schwieriger ist es natürlich auch , während der letzten Phase in dieser subtilen Übereinstimmung zwischen Seele und Seele , zwischen Herz und Herz bei einem geliebten Menschen Wache zu halten.

Wenn man von seinen eigenen Emotionen und seinem eigenen Kummer hinweggerissen wird , wie kann man da einfach da sein, in dieser Stille, und dem anderen helfen zu gehen?

Wenn derjenige , der einen Sterbenden begleitet, ihm dieses Klima des Friedens, diese Qualität des Da­ Seins , auf die die buddhistische Tradition so großen Wert legt, bieten will, muss er dann nicht selbst ein inneres Gleichgewicht erlangt und seine Gefühle unter Kontrolle haben? Besteht nicht die Gefahr , dass die buddhistische Lehre des Gleichmuts , der eine solche Haltung erst ermöglichen soll ,  von einem westlich geprägten Menschen nicht richtig umgesetzt wird und dieser Gleichmut in bloße Gleichgültigkeit umschlägt?

A: Gleichmut  beziehungsweise Nicht-Anhaften , die nicht mit Mitgefühl einhergehen, sind tatsächlich nichts anderes als Gleichgültigkeit . Deswegen ist in der authentischen buddhistischen Tradition , die der christlichen übrigens sehr nahe steht, das Nicht-Anhaften eine Vorbedingung dafür, dass das Mitgefühl wahrhaft sein kann ; es ist eine der Vorbedingungen für Liebe . Auch die Wüstenväter sagten , die Liebe erwachse aus der Stille…

Ein Wesen zu lieben heißt, einen beruhigten Geist zu haben , denn dadurch kann man ihm erlauben, das zu sein, was es in dem Moment ist, in dem es ist . Diese Vorstellung der Stille, in der wir bei jemandem verweilen, der leidet, ist also auch in der Tradition der Wüstenväter extrem wichtig, genauso aber bei den westlichen Mönchen.

Wenn jedoch das Nicht-Anhaften, das nicht mit Mitgefühl einhergeht, nichts anderes als Gleichgültigkeit ist, warum wird dann in gewissen christlichen Ritualen, bei denen zum Beispiel auch Klageweiber und ähnliches eine Rolle spielen, der Tod so dramatisiert? Sinn und Zweck ist es , das Leiden, das uns innewohnt, zu veräußerlichen. Im Judentum kann man sich die Haare raufen oder sich die Kleider vom Leib reißen, um daran zu erinnern, dass eine Trauerarbeit, sei sie nun persönlicher oder sozialer Natur, zu verrichten ist! Es ist das, was die Griechen Katharsis nannten: Katharsis als Voraussetzung dafür, in die Stille des Akzeptierens eintreten zu können .

Weiß man eigentlich wirklich , was Mitgefühl ist , wenn doch die Begriffe »Mitgefühl« und »Mitleid« so oft verwechselt werden? Was bedeuten die beiden Begriffe und was ist der wesentlichste Unterschied?

Das lateinische Wort für »Mitgefühl ist com­passio - »com bedeutet »mit, »passio« ist die Passion, die Leidenschaft. Wenn wir heute von Leidenschaft sprechen, dann denken wir sofort an eine leidenschaftliche Liebe. In Wirklichkeit heißt passio aber „mit jemandem sein“. Diese Compassio, dieses Mitgefühl, bedeutet vor dem Leiden des anderen keine Angst zu haben und es in sich aufzunehmen - aber nicht, um es festzuhalten oder sich darin zu gefallen, denn das wäre Masochismus und Selbstgefälligkeit .

Das Wichtige dabei ist die Erfahrung einer Öffnung des Herzens gegenüber dem, was der andere erlebt, ohne sich davon überwältigen zu lassen.

Ich persönlich finde , dass ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Begriff „Mitleid“, wie er heute verwendet wird, und dem Begriff „Mitgefühl“ besteht . Im Mitleid ist da eine Mauer, die uns vor unserem eigenen Leiden schützt . Im Mitleid sind wir nicht in Kontakt mit unserem eigenen Leiden als menschliches Wesen. Wir sind derjenige, der sich - im Gegensatz zu dem, der wehrlos und leidend ist - guter Gesundheit erfreut, der sich in einer Position der Stärke befindet . Man spricht ja auch von »professioneller Wärme«. Dieser Begriff bezeichnet eine sehr defensive Haltung: Man muss gegenüber dem Menschen, der leidet, wachsam und warmherzig bleiben, gleichzeitig aber auch jener sein, der dominiert!

Eine derartige Haltung kann sich sehr schnell in etwas verwandeln, das für den Kranken absolut unerträglich ist . Wurzelt diese Wärme jedoch in jenem Teil von uns, der berührt wird und leidet, wenn er den anderen leiden sieht, ohne sich hinter irgendeiner professionellen Abwehr zu verstecken, dann empfinden wir etwas anderes als Mitleid.

»Mitleid« ist ein »mentales« Wort geworden, das den anderen zu einem äußeren Objekt macht . Am Ursprung steht aber die Barmherzigkeit, und, tiefer noch, die „Matrix“. Es handelt sich darum, jemandem mit dem Bauch zuzuhören, ihn in den eigenen Bauch aufzunehmen und darin zu tragen.

Das Leiden des anderen muss »verdaut« werden, man trägt es im Bauch; manchmal ist es wie ein Schlag, der einen trifft, und wir müssen es dann tragen wie ein Kind.

Der tiefe Sinn des Wortes Mitleid liegt darin, diese Qualität des »aus dem Bauch« in uns zu finden; wir nehmen den anderen nicht nur mit unserem Kopf oder unserem Herzen wahr, wir hören ihm mit unserem »Bauch« zu. Wir sind nicht nur im Gefühl, in der Emotion, sondern wir tragen das Leiden des anderen in uns, damit Sinn »gezeugt« werden kann .

Den anderen in sich tragen heißt auch, jenem Teil von ihm Vertrauen schenken, der in der Lage ist, dieses Leiden zu tragen. Im modernen, deformierten Sinn transportiert das Wort »Mitleid« die Vorstellung, der andere verfüge nicht über die Fähigkeit, sich dem, was ihm widerfährt, zu stellen und es zu ertragen.



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